Geld und Kunst

Vor einigen Jahren, die “Euro-Zeit” war noch nicht angebrochen, schuf mein Freund Joaoflux für eine kleine Kunstaustellung in seiner Heimatstadt ein seltsames Kunstwerk. Es bestand aus einer Serie von 16 Einzelwerken, die untereinander quasi identisch waren. Ich erlaube mir an dieser Stelle, nichts weiter über die Gestalt der Werke, die ich “Bilder” nennen will, zu sagen, und sofort zu ihrer “Preisgestaltung” überzugehen. Denn offenbar angeödet von der Frage, welchen Preis er für seine Bilder veranschlagen sollte, traf ihr Urheber kurzerhand die Entscheidung, die Preise ins Werk zu integrieren, beziehungsweise sie Teil des Werkes sein zu lassen. Dabei orientierte er sich an der sogenannten Fibonacci-Reihe (benannt nach einem italienischen Mathematiker des 12/13 Jh.), in der sich der Wert jedes Gliedes aus der Summe der beiden ihm vorhergehenden Glieder ergibt. Für das erste Bild veranschlagte Joaoflux zwanzig Deutsche Mark. Daraus ergab sich dann von selbst auch für das zweite 20 DM, für das dritte 40 DM, für das vierte 60 DM, das fünfte 100 DM usw., bis zum letzten Bild, das für 19740 DM zu haben war… Nebenbei gesagt: Die beiden ersten Bilder wurden noch am Tag der Ausstellungseröffnung verkauft (wobei mir Joaoflux für das zweite bis heute einen Kaufbeleg schuldet ;-) . Ein noch älterer Freund von Joaoflux kaufte ihm später auch noch das dritte Bild ab, nachdem er schon das erste in seinen Besitz gebracht hatte… Meine Informationen über die bisherige Verkaufsgeschichte reichen bis zum Verkauf der Nummer 5 der Serie. Sie ging an eine Bekannte des Künstlers in Sao Paulo. Ich erfuhr davon in einer E-Mail, der eine Fotografie anhing. Sie zeigt das kleine Bildwerk in einer riesigen Halle, in der es ganz alleine auf dem Boden steht. Joaoflux schrieb mir dazu: “Das Foto wurde in einer der Hallen der laufenden Biennale von Sao Paulo gemacht. Die Halle ist offenbar leer, weil das Budget der diesjährigen Biennale eine adäquate Befüllung mit Kunst nicht zulässt. Das schien mir ein sehr passender Ort.” …

In der Gesellschaftstheorie des Soziologen Niklas Luhmann werden sowohl das “Geld (Eigentum)” als auch die “Kunst” als sogenannte “symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien” behandelt – neben drei weiteren Phänomenen, nämlich “Wahrheit”, “Liebe” und “Recht (Macht)”. Luhmann ordnete sie alle in einer Kreuztabelle an, um zu verdeutlichen, wie durch diese “Medien” Erleben und Handeln der sozialen Teilnehmer koordiniert werden beziehungsweise angeordnet sind (man kann auf das Handeln des anderen sowohl erlebend als auch handelnd reagieren, und auf das Erleben des anderen ebenfalls, so dass sich in der Tabelle insgesamt vier Felder ergeben). Dabei geschah nun etwas bemerkenswertes: Jedem “Kommunikationsmedium” wurde ein Feld zugeordnet, aber während “Wahrheit”, “Liebe” und “Recht” jeweils ein Feld alleine belegten, kam es in einem der vier Felder, und zwar dort, wo erlebend auf Handeln reagiert wird, zu einer Kollision von zweien, nämlich von “Geld” und “Kunst”. In einem Interview aus den 1980er Jahren scheint Luhmann abzuwiegeln und dem keine weitere Bedeutung beimessen zu wollen,  jedenfalls nicht auf Verwandtschaft oder Konkurrenz der beiden zu schließen, sondern eher – hört! – auf eine “Abwertung der theoretischen Relevanz der Tabelle” (Niklas Luhmann “Archimedes und wir” Berlin, 1987 S.87f). An anderer Stelle, zu einem späteren Zeitpunkt, ließ sich Luhmann immerhin zu der Vermutung hinreißen, dass die Kunst “vielleicht wegen dieser Nähe zur Zurechnungsform des Geldes, besonderen Wert darauf legt, nicht als “nützlich” zu erscheinen.” (Niklas Luhmann “Die Gesellschaft der Gesellschaft” Frankfurt a.M. 1997 S.351) …

Der deutsche Künstler, für dessen Werke in den letzten Jahren am meisten Geld über die Palette ging, war Gerhard Richter. Auch über seine Bilder (“selbst”) sage ich an dieser Stelle nichts. Ich zitiere nur eine sprachliche Äußerung von ihm, die er angesichts des Verkaufs eines seiner Werke im Jahre 2011 gemacht hat. Das Bild hatte bei einer Versteigerung schließlich über elf Millionen Euro erzielt. Richter sagte dazu: “Das ist genauso absurd wie die Bankenkrise, nicht? Das ist unverständlich und albern…” In der “Tagesschau” des “Ersten deutschen Fernsehens” wurde dieser Satz übrigens kommentiert mit den merkwürdigen Worten: “Vielleicht muss man so erfolgreich sein, um das sagen zu können, dass das Werk nur für sich steht und sonst nichts.” (ARD, “Tagesschau” 4.10.2011) …

… Wie auch immer: fest steht, dass für Kunst bezahlt wird. – Und schon damit kann man anfangen zu fragen: Warum? Was gibt der Kunst ihren Wert? Und was gibt ihr ihren Preis? Was hat Kunst mit Ökonomie zu tun: mit Haushalten und Eigentum und Nützlichkeit und Effizienz und Geld? Wie kann gar der Eindruck entstehen, dass DER PREIS für nichts auf der Welt einen entscheidenderen Maßstab und ein entscheidenderes Wertkriterium darstellt, als für die bildende Kunst – und ihre Produkte? Alle anderen Güter oder “Dinge” lassen sich relativ einfach durch den für ihre Erschaffung benötigten Arbeitsaufwand und die benötigte Arbeitszeit, beziehungsweise durch ihren Materialwert (Knappheit) in ihrem Preis bestimmen (nachrechnen): Kunst nicht! Auch bloßes Design, Mode, Marken, Sport, spirituelle oder soziale (Dienst)Leistungen scheinen da in einer gewissen Verwandschaft zur Kunst zu stehen, denn auch ihr Wert lässt sich letztlich nicht “berechnen” – und auch der Künstler, zumindest der “berühmte”, ist sicher nur eine “Marke” – , aber trotzdem ist offenbar irgendetwas ganz Besonderes an den Endprodukten, die bildende Künstler immer wieder hervorbringen. Stets von neuem zeigen sich Künstler als Erschaffer des Originals, des Einzigartigen, des “Bildes”, der “Idee” geradezu.

“Das schöne” an der bildenden Kunst – vielleicht das einzig “schöne”, was an ihr zwangsläufig übrig bleiben muss – besteht gerade darin, dass sie ein “Endprodukt” anzubieten hat, nach wie vor und immer wieder, trotz Beuys, Fluxus all dem. Und das ist dann ein Original. Und das wiederum kann irgendwer zu seinem Eigentum machen. Aber wozu? Seine Einmaligkeit lässt es selbstverständlich knapp sein, und damit erfüllt es die erste Voraussetzung dafür, wirtschaftlich relevant zu sein. Aber was macht es außer knapp auch noch begehrt? Das Original ist immer knapp, aber keiner braucht einen “Richter” in seiner Wohnung. Nicht ohne Grund waren seine Werke zwischenzeitlich so groß, dass sie ohnehin in keine Wohnung mehr, und kaum noch in ein Museum passten – nur etwa ins mondäne Hauptgebäude eines Versicherungsunternehmens (wie die “Viktoria”-Gemälde von 1986). Aber wozu braucht man sie dort?

Da ist etwas in die Welt gekommen – und als Gebrauchsgegenstand vollkommen unnütz (wie Geld). Als der Künstler Marcel Duchamp in den 1910er Jahren als erster damit begann, Gebrauchsgegenstände ihrer Nützlichkeit zu entziehen und sie als Kunst auszustellen, machte er gerade unmissverständlich klar, was Kunst ist; auch wenn sich die Betrachter der Kunst ausgerechnet da endgültig zu fragen begannen, ob Kunst noch Kunst ist. – Schon deshalb bedarf Kunst heute unausweichlich und rigoros des Symbols für Knappheit und Begehren: Geld. Denn die Kunst würde uns gegenwärtig nur noch ratloser dastehen lassen, wenn sie nicht in einen Zusammenhang mit Geld gebracht würde; und das Geld würde uns noch ratloser machen, wenn nicht auch Kunst mit ihm bezahlt werden könnte. Dennoch ist die Kunst, die zu nichts nütze ist, immer noch mehr wert als das Geld, das (selbst) zu nichts nütze ist. Denn sie ist der (realwirtschaftlichen) Gütersphäre ungleich mehr enthoben als das Geld. Von einem Minimaleingriff in die Güterwelt durch ein “Readymade” und dessen “Entnützlichung” abgesehen, nimmt Kunst überhaupt keinen Einfluss auf die Gütersphäre (selbst die Pop-Art hat das nie getan, auch wenn sie sich von der Konsumwelt hat beeinflussen oder inspirieren lassen). Geld dagegen verschafft immer noch Macht über eine Gütersphäre unter oder über sich, über Gebrauchsgegenstände oder Ressourcen. Das Ziel des Geldes (selbst) ist dies aber keineswegs. Gerade dies zeigt die Finanzkrise heute. Kunst ist so transzendent, wie Geld heute sein will, indem es – jenseits aller Nützlichkeit – letztlich nur noch das Anrecht auf Eigentum repräsentiert und die Möglichkeit, Schulden zu begleichen. Wenn einmal für kein “Bild” auf der Welt mehr Geld bezahlt würde, so wäre damit nicht etwa die Kunst am Ende, sondern die Geldwirtschaft. Also muss für Kunst bezahlt werden bis zum letzten Augenblick. Auch wenn sich durch nichts ihr Wert messen und ein Preis erschließen lässt. Gerade WEIL sie sich durch nichts mehr messen lässt – außer noch durch die Reputation des Künstlers, das Ansehen seiner Person. Die Kunst zu messen an der zu ihrer Herstellung nötigen Zeit, an ihrem handwerklichen Aufwand oder dem zu ihrer Herstellung verwendeten Material, scheint zwar noch vorzukommen, ist aber spätestens seit den Impressionisten überhaupt nicht mehr durchzuhalten. Gegenwärtig mag Gerhard Richter wochenlang vor einem seiner abstrakten Ölgemälde stehen: Was auch immer sich dabei abspielt: ohne Kernspintomografie oder Neurotransmitteranalysen (die auch wieder Geld kosten würden) wird sich da nicht viel nachmessen lassen. Mit seinen Händen unmittelbar tätig ist er innerhalb dieser paar Wochen vielleicht nur ein paar wenige Stunden. Jede andere Ökonomie der Vergangenheit hätte in Anbetracht dessen das Handtuch geworfen. Aber nicht so das durch Geld vollständig ausdifferenzierte Wirtschaftssystem der Gegenwart. Denn auch noch die Frage, was “große” und “bedeutende” Kunst ist, also den Horizont öffnet zu einem Bereich jenseits von Ökonomie und Wirtschaftlichkeit, will durch das “Knappheitsmedium” Geld bestimmt sein. Es wird zum Paradox eines Kunstwerkes, dass der Grad seiner “Aufhebung der Ökonomie” (George Bataille) nur ökonomisch bestimmbar ist.

In diesem Zusammenhang zeigt sich schließlich auch, was es mit “For the Love of God” auf sich hat, jenem komischen Werk, dass der britische Künstler Damien Hirst im Jahre 2007 der Welt präsentierte: ein mit 8601 Diamanten besetzter Platinabguss eines Totenschädels. Es zeigt sich, inwiefern dieses materiell immens “wertvolle” Objekt im System der (zeitgenössischen) Kunst einen ähnlichen “Dreck” darstellt, wie z.B. die schmutzigen US-Immobilienkredite im System der Ökonomie, die das Bankensystem zur selben Zeit an den Rand des Kollaps führten; inwiefern aber auch beide Werke “echte Kunstwerke” darstellen. Ein Künstler ohne Geld (bzw. Marktwert, bzw. Startkapital) hätte den Schädel gar nicht schaffen können (er hätte eben höchstens so ein Werk wie das meines Freundes Joaoflux konstruieren können, sozusagen als Anwesenheitsvermerk im Kunstbetrieb, um dann an der langsam steigenden  “Verkaufszahl” des Gesamtwerkes amüsiert seinen eigenen Marktwert mitverfolgen zu können); und ein Wirtschaftsunternehmer mit “tatsächlich” (realwirtschaftlich) unternehmerischen Ideen hätte jene hohlen Geldgeschäfte nicht tätigen müssen. Man kann Macht und Ohnmacht  gleichermaßen nutzen. Und Missbrauchen. Und zwar, indem man die Möglichkeiten des Systems voll ausschöpft. Ein System ist niemals jenseitig. – Fragen lassen sich freilich jederzeit stellen. Und bei dem diamantenen Totenschädel liegt sicher wieder einmal – mit gutem Grund oder nicht – die bürgerliche Frage auf der Hand: “Ist das (noch) Kunst?”

Sollte der Künstler ein system- und sozial- und kulturkritisches Wesen sein oder als solches wahrgenommen werden (und darin seine Nützlichkeit bestehen), was ihn etwa vom Designer, Kunsthandwerker oder Sonntagsmaler unterscheidet, sollte es ihm “im Grunde” weniger um Nützlichkeit und auch Geld gehen als etwa einem Kommunikationsdesigner, so muss man sich klar machen, was seine Bezahlung bedeutet: er wird mit Geld als Kritiker kaltgestellt – und wie ein Beamter im Gesellschaftssystem angestellt. Das Paradox der Kunst ist grundsätzlich, dass der Künstler mit seiner Kunst gegen die Kultur anrennt, und dabei doch nur Kulturschaffender bleibt. Der Künstler rennt an gegen das Gefängnis der Kultur und das System der Gesellschaft, die ihn bestimmt und einschränkt – und bringt dabei doch nichts anderes hervor als eben: Kultur. Spätestens wenn und mindestens so lange er dafür bezahlt wird, sitzt er vollständig in der Falle.

Öffentliche Faulheit und privater Aktivismus

Ja, man kann ausgesprochen viel über die Mentalität eines Menschen erfahren, wenn man seine gefühlsmäßige Reaktion auf die Idee des “bedingungslosen Grundeinkommens” beobachtet. Und es ist sicher auch richtig, dass es die widerstrebenden Gefühle eines offenbar gesunden Menschenverstandes sind, die der Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens vor allem im Wege stehen. weiterlesen

Redliche Antworten auf brave Fragen (Zu einem Kommentar von Joaoflux)

Was hat ein bedingungsloses Grundeinkommen mit dem Wachstumsdiktat unseres Wirtschaftssystems zu tun? weiterlesen

Eine Erde und eine Atmosphäre

Keiner hier hat je bestritten, dass sich “das Grundeinkommen nur unter den Bedingungen des vorhandenen Geldsystems einführen” lässt. Im Gegenteil. Dieses System wird funktionell auch noch das gleiche bleiben, wenn es zur Einführung des Grundeinkommens schließlich gekommen ist. Das ist ja gerade der Witz! Was mit dem Grundeinkommen verändert wird, ist lediglich die UMWELT (die Rahmenbedingungen) dieses Systems! Und auf die veränderten Umweltbedingungen muss dieses System dann eben reagieren. Und daraus ergeben sich die Antworten auf die gestellten Fragen nach den ÖKONOMISCHEN Folgen eines Grundeinkommens: Dann muss z. B. bislang “unterbezahlte” Arbeit schließlich doch angemessen bezahlt werden, damit sie getan wird. weiterlesen

Raus aus dem Urwald (zurück ins Basislager)

Ich habe in meinen letzten Beiträgen darauf hingewiesen, dass das bedingungslose Grundeinkommen nicht gleichbedeutend mit der Abschaffung des Geldes ist und es nicht dazu führt, dass Geld überflüssig(er) wird, weil mir schien, dass Du beides vermischst. Wenn dem nicht so ist, nehme ich das beruhigt zur Kenntnis. Die problematische (vollständige) Entkopplung von Einkommen und Arbeit, die Du proklamierst ist damit aber noch nicht vom Tisch. Ich denke, eine vollständige Entkopplung ist nicht wünschenswert. Sinnvoller scheint es mir, zu hinterfragen, was Arbeit ist und ob sich daran etwas ändern lässt. In jedem Fall sollten wir versuchen, uns auf die wesentlichen Funktionen zu verständigen, die Arbeit und Geld / Geldwirtschaft heute haben. Im nächsten Schritt sollten wir uns überlegen, welche Gesellschaft wir uns wünschen und was für den Einzelnen und die Gemeinschaft möglichst gewährleistet sein sollte. Ich möchte mich heute auf Geld und Arbeit beschränken. weiterlesen

Geld ist leicht, ganz leicht

Geld als Mittel der Belohnung (ja offenbar das Mittel der Belohnung schlechthin) zu beschreiben, finde ich bereits viel zu optimistisch, ja hochproblematisch und ein Kniefall vor der gegenwärtigen ökonomischen Ordnung (bzw. Unordnung). Solange Einkommen und “Arbeit” strikt verkoppelt sind, ist Geld in erster Linie ein Druckmittel. Glaubst du, dass man das braucht? Wozu braucht man ein, und was meinst du mit “System zur Regulierung menschlichen Strebens”? Dass, wer “sich einbringt”, auch von andern belohnt wird, wird immer, in egal welcher Ordnung, so sein. Wir geraten hier schnell in eine müßige Diskussion über das Wesen des Menschen, die zu nichts führt. Auch die Gegenargumente in Bezug auf ein Grundeinkommen nehmen in den allermeisten Fällen erst einmal diese unsinnige Form an. weiterlesen