Öffentliche Faulheit und privater Aktivismus

Ja, man kann ausgesprochen viel über die Mentalität eines Menschen erfahren, wenn man seine gefühlsmäßige Reaktion auf die Idee des “bedingungslosen Grundeinkommens” beobachtet. Und es ist sicher auch richtig, dass es die widerstrebenden Gefühle eines offenbar gesunden Menschenverstandes sind, die der Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens vor allem im Wege stehen.Deswegen ging es mir bislang in unserer Diskussion gerade darum, die Gefühlsebene zu umgehen und stattdessen die Logik der Idee offen zu legen (ökonomisch, geschichtlich, gesellschaftlich…). Liegt diese Logik offen da, kann man nämlich auch meinen, dass es nicht um Gefühle geht, sondern dass es den Menschen schlicht an verstandesmäßiger Einsicht fehlt diese Logik nachzuvollziehen, die dann jeden Menschen gegenüber der Idee mental entspannter machen könnte. Wenn freilich bereits in diesem Blog viele Reaktionen der anderen Diskussionsteilnehmer – die ja alle durchaus selbst ihre Einsicht in die Logik der Idee bekunden – gerade dahin gegangen sind, meiner Auseinandersetzung mit der Sache eine gewisse Irrationalität bzw. Moralität bzw. Praxisferne zu unterstellen, so zeigt auch dies wieder nur, dass das Thema so etwas wie einen gesellschaftlich Blinden Fleck zu haben scheint, den man entweder nicht sieht oder anderen nicht zeigen kann…

Die übliche Aufregung über das Grundeinkommen besteht ja offenbar einfach darin, dass einem die Vorstellung widerstrebt, einem Menschen werde ohne jede Verpflichtung zu einer Gegenleistung etwas gegeben – und dann auch noch das so begehrte “Gut Geld”! – Solange man annimmt, Geld sei ein Tauschmittel, ist diese Empörung ja auch ganz logisch. Aber Geld ist eben kein Tauschmittel (sondern nur ein “Anrecht auf Eigentum” und damit ein Knappheits- bzw. Verknappungsmedium). Das war es, was ich in meinen vergangenen Beiträgen klar zu machen versucht habe. Es kann auch gar nicht in vollem Umfang begriffen werden, was etwas so abstraktes wie Geld (und Eigentum) eigentlich ist, aber es wird nicht einmal annähernd begriffen, solange nicht der Unterschied begriffen wird zu dem, was es sicher nicht ist: nämlich ein “Gut” im Sinne eines begehrten, unmittelbar brauch- oder nutzbaren Produktes (…ein Nahrungsmittel, oder sonst etwas, das irgendwie das Leben versüßt, oder gar eine Hilfeleistung).

Wenn dieses Phänomen (nämlich dass Geld kein Produkt ist – also nicht etwas ist, das man planmäßig produzieren oder zerstören kann -, und dass es genauso wenig ein Tauschmittel ist) in seiner Abstraktheit also nicht verstanden werden kann, helfen – wie Zwischenschritte – nur Hinweise auf Indizien, mit denen uns die moderne Gesellschaft mittlerweile regelrecht überschüttet. Solche Hinweise werden von Grundeinkommensbefürwortern (siehe z. B. Götz W. Werner in seiner Veröffentlichung: “Einkommen für alle”) bereits hinreichend gegeben und näher erläutert. Sie zeigen, dass sich die ökonomischen Umstände der heutigen Gesellschaft im Vergleich zu früher grundsätzlich gewandelt haben, dass etwa ÜBERFLUSS ins Spiel kommt (und zum Problem wird) statt stets nur von neuem eine alles beherrschende allgemeine KNAPPHEIT, und dass wir durch Lohn- bzw. Erwerbsarbeit auch die SELBSTVERSORGUNG hinter uns gelassen haben und stattdessen in ein Zeitalter totaler FREMDVERSORGUNG eingetreten sind… (Und in dieser irritierenden Situation wird sich nunmehr wie an einen Strohhalm daran geklammert, dass immerhin noch jeder in möglichst vollem Umfang für “sein” Geld selbst zu sorgen habe…)

Dies sind Hinweise auf einen grundsätzlichen Wandel, der durchaus revolutionär (sprunghaft oder stufenhaft) und nicht evolutionär zu verstehen ist (weshalb übrigens eine “darwinistische Sichtweise” [wie Stv. Hausmeister es nennt] auf das Phänomen von vornherein fehl geht, ohnehin, wenn man Darwins Theorie ganz unwissenschaftlich auf so etwas wie “der Stärkere im Überlebenskampf setzt sich durch” reduziert. Wir leben eben nicht mehr im Urwald. Wir können Urwälder zerstören. Wir leben in von uns gemachten Kulturen). Ich möchte diesen Hinweisen hier nur einen weiteren hinzufügen: Heute wird auch deutlich, dass man nicht mehr einfach mit Vorstellungen von “Leistungsträgern” weiter kommt und daran anschließend die sogenannte “Faulheit” von Menschen zum Problem erklärt. (Leistung wird getragen und erbracht von Sozialen Systemen und nur in zweiter Linie von Menschen, die lediglich „Positionen“ in diesen Systemen besetzen – und damit ersetzbar sind.) Vielmehr ist es gerade der private Aktivismus jedes Einzelnen in der Gesellschaft, der auffällig zum Problem wird. Spätestens durch die ökologischen Probleme tritt uns vor Augen, dass weniger der, der “nichts tut”, Probleme aufwirft, sondern eher der, der “nach Herzenslust” produziert, konsumiert und mobil ist, weil er sich für all das ausreichend mit Geld versorgt hat. Und auch derjenige wird zum Problem, der all das, was jener hat, nicht hat, aber ebenfalls anstrebt (mit möglichst billigen Produkten, die dann nach wenigen Tagen bereits Müll sind, Müll der nicht verrottet oder im besten Fall in den wilden Kreislauf der Wirtschaft wieder einfließt). Mit anderen Worten: Privilegierte wie Unterprivilegierte versinken in ihrem privaten Aktivismus – und der Sozialkörper verfault. Es passiert also genau das, was man durch ein bedingungsloses Grundeinkommen erst in Gang zu bringen befürchtet!!! Nämlich dass Menschen, statt sich umeinander zu sorgen, statt aufeinander einzugehen und sich (auch anders als mit Geld) auszutauschen, statt kreativ soziale Systeme zu erschaffen, eine soziale Skulptur und einen sozialen Körper zu bilden, statt eine mehr oder weniger solidarische Einheit herzustellen… , – statt all dem nur in ihrem eigenen privaten Mist und Konsum versauern.

Habe ich da nun mit meinen Worten “Stv. Hausmeister” bestätigt und lediglich ein “mentales Muster” zum Ausdruck gebracht? Ist es letztlich nur Polemik, so zu reden? Oder lässt sich die gleiche Aussage auch stinkseriös und sozialwissenschaftlich formulieren? Ja: Es geht mit dem Grundeinkommen letztlich um eine Transformation des Subsidiaritätsprinzips: Es geht um die Neubewertung der gesellschaftspolitischen Vorstellung, dass sich innerhalb einer Gesellschaft größere soziale Einheiten nur um diejenigen Belange von Menschen sorgen müssen und sorgen sollten, um die sich zu kümmern kleinere soziale Einheiten nicht in der Lage sind… Aber der Staat muss kleinere soziale Einheiten in seinem Innern erst einmal überhaupt sich bilden lassen! Und dazu muss er jedem einzelnen Freiheit und Unabhängigkeit verschaffen, um daran mitwirken zu können. Mit einem Grundeinkommen nun wendet sich die große abstrakte Einheit, der Staat, mit einer (und SEINER) ganz abstrakten Sache, nämlich mit Geld, ganz direkt und unmittelbar an die kleinste Einheit, nämlich an jedes einzelne Individuum in diesem Staat. (Denn es ist schließlich nicht der Einzelne, der in einer Fremdversorgungskultur für seinen Erwerbsarbeitsplatz selbst sorgen kann, der ihm das Geld garantiert, das er benötigt, um in ihr einkaufen zu gehen.) Es ist klar: Das Grundeinkommen wird dann die vielen Einzelnen in einer bestimmten Hinsicht, nämlich “finanziell” – um an dieser Stelle bewusst nicht mehr “ökonomisch” zu sagen – stärker voneinander unabhängig machen. Die Freiheit unter Menschen nimmt “wieder” oder “weiter” oder “vorerst mal wieder” (wie auch immer es also geschichtlich zu bewerten ist) zu. (Wenn man die Dynamik von sozialen Systemen nicht mit einkalkuliert, könnte man nun annehmen, dass das den Konsum und die “Wirtschaft” nur weiter anheizt [wie es "Joaoflux" gelegentlich in den Raum zu stellen scheint].) Aber es wird den Einzelnen auch unmittelbar in die Lage nötigen, selbst in soziale Einheiten zu “investieren” – mit sozialer Energie – , anstatt sich andere und deren “Arbeit” einfach nur für seine – privaten – Zwecke zu kaufen. Denn genau dafür wird dann letztlich jedem das Geld fehlen! (Kurz: Die finanzielle Erpressbarkeit nimmt ab. Und zwar um so mehr, je höher das Grundeinkommen ist. Und über diese Höhe kann einfach demokratisch entschieden werden.)

Abschließend sei angemerkt, dass genau hierher auch das moderne Problem des Lobbyismus gehört, in Bezug auf den man so deutlich spürt, dass er mit einer gesunden Demokratie und freiheitlichen Gesellschaft nichts mehr zu tun hat. Nur dann kann sich nicht mehr gegenseitig “gekauft” werden, wenn die größte soziale Einheit ganz unmittelbar der kleinsten Einheit die maximal mögliche ökonomische Freiheit verschafft, wenn der Staat für jeden Einzelnen da ist, und nicht für Ehen, Familien, Firmen oder andere Interessengruppen. Die haben dann für sich selbst zu sorgen! Und das werden sie auch tun – und dann tun können. – Denn schließlich wird es in einer globalisierten Welt darum gehen, dass wir uns auch mit “dem Fernsten” noch einig sind, und dazu müssen wir von “unserem Nächsten” vor allem “ökonomisch” unabhängig werden, um nicht genötigt zu sein, mit diesem Nächsten eigentumsbasierte, rein monetäre Allianzen gegen die zu bilden, die so fern sein können, dass wir sie nicht einmal sehen oder spüren…

One Response to Öffentliche Faulheit und privater Aktivismus

  1. Der Text macht mich ratlos. Deine Behauptung, Geld sei weder Tauschmittel noch ein Gut, sondern “Anrecht auf Eigentum”, scheint mir ziemlich reduktionistisch. Es liegt auf der Hand, dass Geld all diese Funktionen einnehmen kann. Und es ist nicht ersichtlich, warum sich das mit Einführung eines Grundeinkommens maßgeblich ändern sollte. Oder führst Du diese Unterscheidung nur ein, um daraus eine (moralische) Rechtfertigung für ein Grundeinkommen zu gewinnen? Das ist nicht nur uninteressant, sondern funktioniert auch nicht. Egal ob Grundeinkommen oder nicht – Die Ökonomie kann Überfluss nicht denken bzw. kommunizieren (allenfalls vielleicht als Müll, also als Knappheit der Entsorgungskapazitäten). Ich hoffe jedenfalls, Deinen Überflussphantasien liegt nicht die Vorstellung zu Grunde, ein regelmäßig ausgezahltes Grundeinkommen würde aus dem Nichts geschöpft also quasi frisch gedruckt und erhöhe daher die Geldmenge bis hin zum Überfluss und das sei auch noch wünschenswert – solch einen Unfug müssen wir ja hier wirklich nicht diskutieren.

    Die Kritik am neoliberalen Kampfbegriff des “Leistungsträgers” müsste differenzierter ausfallen. Du beschreibst ihn als hemmungslos produzierenden und konsumierenden Schmarotzer, der (wohlmöglich auch noch fernmündlich schwatzend) in der Welt herumreist. Man muss aber wahrscheinlich konstatieren, dass der Leistungsträger im System Ökonomie wirklich einfach Leistungsträger ist (egal wie viel Schaden er in anderen Systemen anrichtet und egal wie windig sein Beitrag im Einzelnen bei näherer Betrachtung aussehen mag). Das Grundeinkommen allerdings wird ihn dabei kaum beeinträchtigen.

    Das romantisches Ende, das in der Verbrüderung von Staat und Individuum durch das starke Band des Grundeinkommens kulminiert, ist geradezu missionarisch. Selbst wenn der Einzelne etwas Freiheit gewinnt – ein Grundeinkommen kann sicher nicht so groß sein, dass es nicht auch weiterhin materiell motivierte Beziehungen in unterschiedlichster Ausprägung gäbe.

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