Zum Wesen der Grundeinkommensdebatte

Auf Zeit-online ist gerade ein lesenswerter Beitrag zum Grundeinkommen erschienen mit einer konstruktiven, umfangreichen Forumsdebatte: http://blog.zeit.de/herdentrieb/2011/08/16/ein-bedingungsloses-grundeinkommen-fur-alle_3433

Wichtig an den Forumsbeiträgen sind mir vor allem die mentalen Muster, die in der Auseinandersetzung mit dem Thema durchscheinen. Ich glaube, diese Muster sind viel bedeutsamer als die institutionelle Umsetzung selbst, wenn es um die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens geht. Der Dreh- und Angelpunkt ist erstens das Menschenbild, nämlich: Lässt das Grundeinkommen die Menschen zu anspruchsvollen Faulpelzen verfallen oder zu zufriedenen, kreativen, enagagierten Bürgern aufblühen? Und zweitens das Gesellschaftsbild, nämlich: Wird Gesellschaft als Arena für den Wettstreit der Individuen betrachtet oder als interdependente Gemeinschaft aller. Die darwinistische Sichtweise schließt ein bedingungsloses Grundeinkommen reflexhaft aus, die Gemeinschaftsperspektive lädt zur Auseinandersetzung damit ein.
Zum philosophischen Menschenbild und der Realität ist Folgendes zu sagen: Sicherlich würden sich in beiden oben genannten Gruppen zahlreiche Leute tummeln – so wie jetzt auch schon. Doch was passiert in der Summe, Niedergang oder Aufblühen? Es gibt nur eine Antwort: Das lässt sich nicht präzise vorhersagen und schon gar nicht auf lange Sicht (… im dritten, siebten, zehnten Jahr). Es gibt interessante Modelle, doch alle basieren auf  Annahmen, und Gesellschaft ist zu komplex, um langfristige Dynamiken und Interdependenzen korrekt abzubilden.
Das ist jedoch kein Argument, das Grundeinkommen nicht auszuprobieren. Indem die Ausgangsbedingungen möglichst klug gestaltet und bei Bedarf angepasst werden, kann die Gesellschaft schlauer werden. Tiefgreifende Veränderungen werden ohnehin notwendig.

One Response to Zum Wesen der Grundeinkommensdebatte

  1. Mit dem Ausprobieren ist es so eine Sache. Natürlich würde man das gerne mal testen, aber je fundamentaler die Änderungen, desto größer das Risiko des Totalschadens. Ein wenig ausprobieren ist hier aber auch problematisch. Mit 200€ anfangen, wie Dieter Wermut in seinem Artikel vorschlägt würde wohl kaum eine spürbare Änderung für diejenigen bringen, die am meisten vom BGE profitieren könnten, gleichzeitig aber sehr teuer werden, weil die Einsparungen auf der anderen Seite noch nicht möglich wären – die Sozialbürokratie kann ja erst zurückgefahren werden, wenn das Grundeinkommen wirklich für ein angemessenes Leben reicht. Man ist also wohl oder übel auf einen breiten Konsens angewiesen um eine derart fundamentale Änderung auf einen Streich umzusetzen. Die Flickschusterei an den sozialen Sicherungssystemen wird also erstmal weitergehen.

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