Drei Verhakungen und drei Sphären

Ist hier drin, was draufsteht? Zunächst möchte ich feststellen, dass der Titel dieses Blogs, Überlegungen zur postrealen Ökonomie, Unsinn ist: Weder verweist dieser Begriff auf eine Debatte, noch lässt er sich semantisch erschließen, denn was auch immer eines Tages sein wird, es wird unentrinnbar Realität sein. Oder besteht der Sinn darin, den Realitätsbezug erklärtermaßen hinter sich zu lassen?

In der Tat, die Diskussion erscheint stellenweise verhakt: Erstens, wenn das Normative gegen das Empirische ins Feld geführt wird, also wenn die moralische Perspektive die Beschreibung der Realität nicht dulden mag. Zweitens, wenn die Fundamentalkritik an der etablierten Wirtschaftsordnung die rationale Auseinandersetzung mit einer konkreten Frage ins Amorphe verwirbelt – z.B. mag unser Geldsystem eine skurrile Institution sein, dennoch lässt sich das Grundeinkommen nur unter den Bedingungen des vorhandenen Geldsystems einführen oder bis auf weiteres gar nicht. Es ist legitim, das Geldsystem infrage zu stellen, doch lassen sich daraus hinsichtlich Grundeinkommen keine Argumente schöpfen. Und drittens, wenn Begriffsbedeutungen statt Analysen die Diskussion beherrschen.

Zweifellos, das Thema Grundeinkommen ist zu groß für einen Einzelnen, auch für drei Einzelne. Vor dem Hintergrund, welche Ziele damit erreicht werden sollen und welche erreicht werden können, möchte ich drei Sphären mit Fragen formulieren, von denen wir vielleicht einige gemeinsam durchdenken wollen.

() Ökonomie: Würden die gewünschten Güter und Dienstleistungen weiterhin erzeugt werden? Wie entwickeln sich Preise für die Grundversorgung, z.B. wenn bestimmte Leistungen nicht mehr mit Billiglöhnen erstellt werden? Wie bleibt die Innovationskraft erhalten? Wie viele Leute gehen dann nicht mehr zu ihren unterbezahlten Jobs? Mit welchem Steuerregime lassen sich die öffentlichen Haushalte dauerhaft finanzieren? Wie stabil wäre das System bei Störungen und Veränderungen wie die demographische Entwicklung, steigende Rohstoffpreise, neue Finanz- und Wirtschaftskrisen, zukünftige Produktivitätssteigerungen und Überraschungen, die wir noch gar nicht in als Risiko definiert haben?

() Sozialpsychisches und Kultur: Wird das Leben dann besser? Fördert das Grundeinkommen alternative Lebensformen; aktiviert es die Menschen? Macht es die Menschen träge; werden Rausch, Depression, Sinnverlust, Absinken ins Unproduktive zunehmen? Entsteht eine breite Verachtung für die Empfänger, die sich nicht mehr amtlich untersuchen lassen müssen, um an ihr Geld zu kommen? Wird es eine neue Schicht der Unterprivilegierten geben: ausländische Mitbürger und zukünftige Zuwanderer, die kein Grundeinkommen erhalten? Verbessert sich die Beziehung zwischen Staat und Subjekt insgesamt?

() Ökologie: Unter welchen Bedingungen ist das Grundeinkommen mit einem ökonomischen Paradigmenwechsel vereinbar – hin zu einer Wirtschaft ohne Wachstumszwang und ohne Begleiterscheinungen wie Naturzerstörung, Energieverschwendung, Lärm, Verkehr, Vergiftung, Müll, etc.? Oder wirkt das Grundeinkommen sogar als Beschleuniger, weil noch mehr Kram konsumiert wird oder die Finanzierung den gesellschaftlichen Wachstumszwang sogar verstärkt?

Fragen über Fragen. Wenn sich für alle drei Sphären zufriedenstellende Antworten und Lösungen finden lassen, kann man mit Recht von einem nachhaltigen Programm sprechen. Es bleibt dann immer noch die Umsetzung durch Politik und Recht. Ideologie, Intoleranz, Dummheit werden eine immense Rolle spielen. Der irrationale Eifer der Menschen kann wunderliche Züge annehmen, siehe Energie, Verkehr, Bildung, Nahrungsmittelproduktion. Doch bis es soweit ist, wäre eine klarere Vorstellung vom bedingungslosen Grundeinkommen und seinen Konsequenzen ein großer Schritt nach vorn.

One Response to Drei Verhakungen und drei Sphären

  1. Ist hier drin, was draufsteht? Zunächst möchte ich feststellen, dass der Titel dieses Blogs, Überlegungen zur postrealen Ökonomie, Unsinn ist: Weder verweist dieser Begriff auf eine Debatte, noch lässt er sich semantisch erschließen, denn was auch immer eines Tages sein wird, es wird unentrinnbar Realität sein. Oder besteht der Sinn darin, den Realitätsbezug erklärtermaßen hinter sich zu lassen?

    “Postreale Ökonomie” bezieht sich auf das Phänomen, dass im Zeitalter globaler Hochgeschwindikeitskommunikation, der Reibungsverlust bei (spekulativen) Transaktionen gegen Null geht, während hysterische Verstärkung von Erwartungen und Befürchtungen maximiert wird. Daraus folgt, dass das Volumen solcher Transaktionen sowie die Möglichkeit damit Geld zu verdienen extrem wächst. Das ist problematisch, weil die Realwirtschaft an Bedeutung verliert und zu einer Nussschale auf dem Ozean riesiger Finanzbewegungen wird. Das ganze System wird dadurch immer chaotischer und es kommt zur Akkumulation von Macht bei Akteuren, die dies allenfalls dadurch rechtfertigen, dass sie das System parasitär zu nutzen verstehen.

    Die Frage ist, wie man diese Tendenz umkehren oder zumindest abschwächen kann. Dabei sollte man sich keine Illusionen machen, dass das technisch Mögliche nicht auch gemacht wird und durch Verbote kaum zu zügeln sein wird. Wie auch immer man das System umbauen will, man wird es nur schaffen, wenn Anpassungsmaßnahmen im Systemwettbewerb erfolgreich sein können und schrittweise bzw. lokal eingeführt werden können.

Hinterlasse eine Antwort